Rettung extrem
Irgendwie kam es mir schon ein wenig komisch vor. Als ich Samstag nachmittags im Fitness-Studio meine Übungen machte, dachte ich so im stillen “irgendwie lieber Bernd, haben wir heute ein richtig agressives Klima”. Und so sollte es auch noch kommen…
Als ich um 18 Uhr mit meinem Nachtdienst begann, schien die Retterwelt noch in Ordnung zu sein. Gemütlich und ohne Eile das Fahrzeug checken, sich einen dicken, fetten Wurstwecken reindrücken um sich dann mental und unverkrampft auf die – mit großer Wahrscheinlichkeit – kommenden Einsätze vorzubereiten.
Lange blieb der kleine graue Kasten an meinem Gürtel auch nicht still. Aufgeregt und nervös erinnerte er uns an unsere Pflicht, doch endlich – eine Stunde nach Dienstbeginn – den Rettungswagen zu satteln. Ganz ruhig Fiury. Es gab nicht einen Grund zur Eile. Ein Krankentransport. Ein Ort an welchem die Vergessenen, die Ausgesetzten und die Überflüssigen unserer produktiven Gesellschaft landen war das Ziel – ein Alten- und Pflegeheim. Der Patient, letztendlich für seine 87 Jahre geistig noch ausserordentlich fit, musste aufgrund Problemen mit seinem Anus praeter, hospitalisiert werden. Ein absolut problemloses Fährtchen, kurz die Vitalwerte überprüft und dann dem (noch) gutgelaunten Internisten im Krankenhaus übergeben.
Allerdings kam es mir schon etwas seltsam vor als ich, kaum drin im Hort krankheitenheilender Quaksalberei, einen Menschen laut auf russisch rumbrüllen hörte. Nicht dass ich etwas gegen russisch hätte, aber doch bitte nicht in dieser Lautstärke – in einem Krankenhaus! Das blöde war, der Patient sprach nicht nur russisch, er blutete auch noch (warum das Blut so massiv nach Alkohol roch, ist mir allerdings immer noch ein Rätsel). Aber großzügig wie manche Menschen eben sind, wollte der gute junge Mann das Blut nicht für sich behalten. Auf dem glänzenden Flur, an der schon etwas vergilbt-weislichen Wand, überall die Farbe rot. Rot sah nicht nur die halbe Chirurgie aus, auch der Chirurg selbst war es – vor Wut. Briederchen wollte sich einfach nicht behandeln lassen (er hatte sich in suizidaler Absicht eine Pulsader aufgeschnitten) und beruhigen sowieso nicht. So kam es, schon der Logik entsprechend, dass zur Farbe rot sich die Farbe grün hinzugesellte. Grün packte die silberne Acht aus, zack bum, und aus rot wurde plötzlich blass. Blass-rot-dumm durfte den Rest des schönen Abends dann auch beim lieben Onkel Doktor, auf einer lieben Gefühls-Seelen-Geistes-Station verbringen. Dumm eben.
War ne’ nette Abwechslung die ganze Aktion im Spital. Trage frisch bezogen und hurtig zurück auf unsere Wache. So, Blutzucker- und Coffeeinspiegel bedurften dringend einer Grundsanierung. Stück um Stück wuchs das Gute-Laune-Gerüst in die Höhe. Piep, piep, piep – machte wieder mein kleines graues Vögelein. Was nur soviel hiess wie: “bewegt Eure Är…. in die Blaulicht-Kutsche”. Diesmal ne RTW-Einweisung auf die Neurologie – Verdacht auf Ischialgie. Na denn. 10 Minuten später bei der Patientin, und wie waren wir beide heilfroh, daß die gute Frau noch ein paar Schritte gehen konnte. 150 Kilogramm sind eben auch für 2 gestandene Retter nicht unbedingt einfach zu heben. Anamnese Erhebung, Abklären ob die Rückenschmerzen nicht doch eine andere Ursache haben könnten, Vitalwerte checken und schonender Transport zum CT der Neurologie.
Papierkram erledigt. Magen gefüllt. Seele zufrieden. Dann nichts wie ab auf die Rettungsleitstelle. Ein wenig Plaudern mit der Disponentin, ein wenig neugierlen was die anderen ReWas so schaffen und warten.
Zur Geisterstund’ ging nichts mehr. Die erdückende Hand der Müdigkeit lies mich schleunigst Richtung Schlafraum wandern. Kurz noch etwas Musik gehört, bumm Äuglein zu. Die Freude Gevatter Schlafes währte aber nur kurz. Um genau 1.11 ging die Sonne auf. (Es war nur die Beleuchtung an der Decke) und mein graues Vöglein fing wild aufgeregt an zu schreien. “Notfalleinsatz BAB” hörte ich die Stimme der Disponentin aus dem Lautsprecherchen im Melder krächzen.
Schuhe an und viel zu fit um diese Zeit setzte ich mich wieder in den 1/83-1. Andreas wollte die ganze Schicht hindurch fahren, was mir nur Recht war. Gemeldet war eine verletzte Person nach Verkehrsunfall – näheres nicht bekannt. Anfahrt daher ohne Notarzt (welcher manchmal ganz hilfreich – oft aber überflüssig ist) genossen wir die Nacht ohne viel Verkehr auf den Strassen. Kurz nach unserer Auffahrt auf die Autobahn dann 2. Meldung der Rettungsleitstelle, dass eine Person eingeklemmt sei und die Feuerwehr und Notarzt mitalarmiert würden. Diese kleine, augenscheinlich beiläufige Meldung lies unseren Puls doch dezent etwas schneller schlagen. Dunkelheit, Autobahn, Raserei – Hallelujah. An der Einsatzstelle war die Polizei schon vor Ort und ich sah ein rotes Auto auf dem Dach liegen, leicht schräg an der Böschung und ziemlich eingedrückt. Ich machte mich auf das Schlimmste gefasst.
Den Rettungswagen etwas abseits abgestellt, damit die nachrückende Feuerwehr noch genügend Platz hat, dann mit Notfallkoffer und Sauerstoff zum Patienten. Es gab wirklich keine andere Möglichkeit; ich musste mich gerade auf den Bauch legen und durch ein – einziges – offenes Fenster in das Auto kriechen. Selbst einen Helm konnte ich nicht tragen, da ich mit diesem am Türholmen hängenblieb.
Der ca. 70jährige Pkw-Lenker war glücklicherweise ansprechbar, aber doch sehr sehr agitiert und unkooperativ. Schmerzen im linken Bein und Thoraxbereich sowie der Schulter gab er an. Erinnerung an den Unfall hatte er keine mehr. Sauerstoff über Maske, Puls am Handgelenk gut tastbar und kräftig. Mit Müh’ und Not konnte ich einen großlumigen Zugang am rechten Unterarm legen. Eine Halskrause anzulegen war unmöglich und die Sauerstoffsättigung lag (mit O2) bei 100%, HF 88. Was mir aber ganz und gar nicht gefiel, war diese extreme Unruhe des Patienten. Verkeilt im Pkw in Embryostellung und dennnoch versuchte er sich ständig zu bewegen. Andreas hatte fix schon alles hergerichtet. Auch Ketanest und Dormicum. Jetzt traf auch die Feuerwehr ein und es war sofort klar, dass dies keine einfach Befreiungsaktion aus dem Pkw werden würde. Dann kam auch der Notarzt und kniete etwas blass und verschlafen neben mir. Ich machte eine kurze Übergabe. Anscheinend arbeitete das Gehirn des Arztes allerdings noch nicht auf 100%, denn was der Patient jetzt am dringendsten benötigte war eine Analgesie und Beruhigung. Ich lies mir (immer noch halb liegend im Pkw) das Dormicum und Ketanest reichen und sagte unserem NA einfach, dass ich jetzt was spritzen würde – da hatte er auch zum seinem Glück dann nichts dagegen.
Nachdem der Patient nun etwas ruhiger und schmerzfreier wurde, überlies ich der Feuerwehr Rottweil “das Kommando”. Ich zog meinen Helm auf und die Feuerwehr hob mit Hebekissen den Pkw vorsichtig an. Dann wurde mit Schere und Spreizer der Türrahmen entfernt. Professionelle Feuerwehrarbeit. Der Patient lag aber so übel im Pkw verkeilt (Körperteile aber nicht eingeklemmt), dass es immer noch nicht möglich war einen Stiftneck anzulegen. Ein Feuerwehrmann begab sich nun komplett in den Pkw, während wir vom Rettungsdienst ein Spineboard vorsichtig unter den Patienten schoben. Andreas fixierte mit beiden Händen den Kopf, während der Brandretter und ich den Patienten unter großer Anstrengung auf das Spineboard und aus dem Pkw hieften.
Jetzt schnell auf die Trage, vorher kurz die Wirbelsäule nach Prellmarken und Verletzungen inspiziert und dann rein in den warmen RTW.
Der Notarzt legt inzwischen am anderen Arm einen 2. großlumigen Zugang, während mein Kollege und ich die übliche weitere Versorgung starten. Einer entkleidete den Patienten vollständig, der Andere legte ein EKG an und mass den Blutdruck. RR 200 systolisch, und als ich dann auf das EKG schaute musste ich doch ersteinmal kräftig schlucken. Mindestens 20 polytope ventrikuläre Extrasystolen pro min. waren auf dem kleinen Monitor sichtbar. Doch ein Anlass dafür, dem Verletzten unsere Defi-Elektroden aufzukleben – nur zur Vorsicht.
Bei der weiteren körplichen Untersuchung wurden dann keine Verletzungen mehr festgestellt. Verdachtsdiagnose: Rippenfraktur, SHT 1. Grades, evtl. Verletzung im Bereich HWS und Schulterblatt. Thoraxkompression bzw. als Grunderkrankung Herzrhythmusstörungen… Gegen die Hypertonie und die Extrasystolen wurde medikamentös nicht vorgegangen, da zu diesem Zeitpunkt noch keine negativen hämodynamischen Auswirkungen bestanden.
Vom Eintreffen an der E-Stelle bis zur Ankunft in der Unfallchirurgie verging knapp eine Stunde. Dort den Patienten der diensthabenden Ärztin übergeben, nicht ohne Hinweis auf die Rhythmusstörungen – das Klinikpersonal hielt es trotzdem nicht für nötig dem Patienten im Schockraum ein EKG anzulegen – nuja.
Notfallkoffer wieder bestückt, Spineboard geputzt, um dann mit NA die Heimreise Richtung Rottweil anzutreten. Inzwischen war es halb drei in der Nacht. Unser Doc machte es sich hinten bequem, und irgendwann ist er doch glatt eingeschlafen. Zuhause aufgeweckt und abgesetzt, fuhren wir wieder auf die Wache. Üblicher Papierkram, Auto rausputzen und aufrüsten und schnell noch auf die Leitstelle. Böserweise, befand sich die 2. Besatzung gerade im Einsatz, so daß wir wieder an der Reihe waren. Auf der Leistelle lies der nächste Notruf auch nicht lange auf sich warten. Es war so kurz vor vier Uhr, als wir 1-0 in ein 10 km entferntes Dorf alarmiert wurden, betrunkene Jugendliche Patientin. Kurz vor Ankunft an der E-Stelle, dann die Meldung unserer Disponentin, dass die Patientin zeitweise nicht mehr Atmen würde und wir umgehend Rückmeldung geben sollten, ob Notarzt erforderlich oder nicht.
Das liebe Mädel, gerade mal 20 Jahre alt, war wirklich “hackedicht”. Und die als Atemstillstand gemeldeten Zustände, waren nichts anderes als eine kurzeitige Hyperventilation mit anschließendem “Fall” in Bewußtlosigkeit um dann wieder aufzuwachen und zu hyperventilieren usw. usw. Vorsichtig etwas O2 gegeben, und vorsichtshalber schnell einen venösen Zugang gelegt und Blut abgenommen. Ihre Freudin (nüchtern) war zum Glück die ganze Zeit dabei, und konnte so auf die 20jährige einwirken. Ein Notarzt, der dann vielleicht noch hätte etwas zur Beruhigung spritzen müssen, war nicht erforderlich. Der ganze Transport ins Krankenhaus gestaltete sich dann recht problemlos. Erst in der Klinik, musste das Jungchen dann etwas brechen und siehe da, aufeinmal ging es ihr wieder etwas besser. Nur der aufnehmende Internist war leider sehr ungehalten und stinkig. Auch kein Wunder, denn es war nicht der erste alkoholisiete Patient in dieser Nacht. Als wir beim Verkehrsunfall uns abmühten, haben die Kollegen vom 2. Fahrzeug ihn geradezu mit 3 Patienten – Zustand nach Festivität – zugepflastert.
So, jetzt ist es knapp 5 Uhr morgens und um 6 ist Schichtwechsel. 2 Kaffee halfen mir dabei mich am Leben zu halten, bis der liebe Kollege mich erlösend ablöste. Schnell heimgefahren und ab ins Bett. Gute Nacht am frühen Morgen. So ist das im Retteralltag machmal.







Wow… sehr interessanter Beitrag, der plastische Eindrücke in den Rettungsdienst vermittelt
Und toller Schreibstil, der Humor hat was für sich!